Soziales Lernen unter Ente, Gans und Ziege

Als ich Ende Juni 2026 in Berlin neben einem Sportplatz eine Schafsherde grasen sah, die von ihren Hirten spielerisch zur nächsten Weidefläche geführt wurde, kam plötzlich der Wunsch in mir auf, mehr über Weide- und Nutztiere zu erfahren. Mich interessierte besonders, wie sich die Tiere untereinander verhalten und wie sie mit Menschen interagieren.

Von der Großstadt ins steirische Vulkanland

Kurzerhand recherchierte ich und fand heraus, dass der Maschinenring in Österreich Freiwillige für die Arbeit auf dem Bauernhof vermittelt – perfekt! Durch eine unkomplizierte und freundliche Kontaktaufnahme in der Steiermark bekam ich sogleich mehrere Vorschläge verschiedener Betriebe für eine Woche im Juli. Ich entschied mich für einen noch jungen Betrieb in Tiefernitz, den Phönix-Hof der Begegnung, der bereits vielen Tieren ein Zuhause bot und als Aktiv-Bauernhof besonders abwechslungsreich und spannend klang.

Schon ein paar Tage später brachte mich der Nachtzug Berlin-Graz in die Steiermark und die S-Bahn nach Studenzen. Die Betriebsführerin Ilona Nemec holte mich vom Bahnhof ab – und los ging das Abenteuer!

Ein Überblick über einen Sportplatz, an dessen Rand ein Hirte mit seiner Schafherde unterwegs ist

Sportlicher Alltag auf dem Hof

Besonders einprägsam war es, den Alltag und die Abläufe mitzubekommen. Dabei kam ich ganz schön ins Schwitzen: Jeder Morgen startete entweder mit der Verpflegung der Tiere oder mit einem Sportprogramm, denn Ilona ist nicht nur Landwirtin, sondern auch Fitnessprofi. Auf ihrem Hof unter Gänsen oder in Parks der Umgebung leitet sie Sportkurse an, an denen ich teilnehmen durfte. Es gab selten Wochen, in denen ich mich so viel bewegt habe wie in dieser! Wenn morgens kein Pilates anstand, war meine Fitness auf dem Hof gefragt. Dabei war ich vor allem für den Frischwasserwechsel der Tiere zuständig. Die Badestellen der Enten und Gänse sowie Wasser für die Hühner, Puten, Pferde, Ziegen und Alpakas mussten ausgewechselt werden. Zudem erfolgte parallel die Fütterung, zum Beispiel durch Kraftfutter oder Heu.

Ein weißer und ein grauer Pfau stehen vor einem Heuschuppen auf einem alten Holzkarren

Dabei kam es oft zu unvorhersehbaren Herausforderungen, die die vermeintliche Routine ins Wanken brachten: Zum Beispiel mussten die wunderschönen, aber neugierigen und teils lästigen Pfauen von der brütenden Pute verjagt werden. An einem anderen Tag wurden Hennen voneinander getrennt, weil sie sich um die Bruteier und Küken stritten und diese dadurch in tödliche Gefahr brachten. Währenddessen kamen wir aber auch ins Visier der Hähne und mussten ihrem Beschützerinstinkt ausweichen. Durch diese und ähnliche Vorkommnisse dauerte die Fütterungszeit allein meist schon mehrere Stunden. Wie hatte ich diese körperliche Arbeit und den zeitlichen Aufwand bisher unterschätzt!

Am Nachmittag bauten wir neue Zäune oder verbesserten das Gehege, nahmen Besucher:innen der Genusscard in Empfang, die sich den Hof und die Tiere anschauten und von Ilona eine kleine Führung bekamen. Natürlich machten wir auch gemeinsam Pause und aßen zum Beispiel Holgers selbst angebautes Gemüse – ein Genuss!

Abends waren wir manchmal bei einem von Ilonas Sportkursen; danach aßen wir zusammen und dann ging es noch mal zu den Tieren: Die Pferde von der großen Weide reinholen, eine kleine Abendfütterung und alle Tiere beim Ins-Bett-Gehen begleiten.

Besonders fasziniert war ich von einer Gruppe aus verschiedenen Enten- und Gänserassen, die um die Dämmerungszeit ihren Weg in den oberen Teil des Hofes fand und dort freiwillig in einen Stall ging, um dort zu nächtigen. Manchmal verlief diese Routine ganz fix, doch hin und wieder verweilten die Tiere auffällig lang vor dem Stall. Ich fragte mich warum, bis Ilona mir erklärte, dass die Gruppe nicht vollständig war. Ich konnte es nicht glauben, aber tatsächlich: Es mussten alle da sein, erst dann gingen sie hinein und blieben auch im Stall. In diesen Momenten war ich tief gerührt und bewunderte die soziale Intelligenz dieser Tiere.

Luna und Lili

Neben diesen Erlebnissen war mein persönliches Highlight die Ankunft zweier neuer Tiere, die wenige Monate alten Ziegen Luna und Lili. Zuerst gab es nur Luna, die über einen Tierschutzverein auf den Hof gelangte. Sie sollte bei den anderen drei erwachsenen Ziegen und den drei Alpakas leben.

Allerdings hörte sie nicht auf zu schreien. Sie war offenbar sehr an Menschen gewöhnt und gab nur Ruhe, wenn wir in ihrer Nähe waren. Ilona und Holger brainstormten, was sie tun könnten. Nach längerer Überlegung brachten sie die Ziege in ein kleineres Gehege direkt neben dem Bauernhaus – da ging es der Ziege etwas besser. Natürlich sollte sie nicht allein bleiben, aber für alle vier Ziegen war dort gerade nicht genug Wiese bzw. Futter vorhanden. Zudem sollte die seit Jahren eingespielte Ziegenherde nicht aufgeteilt und getrennt werden.

Zwei weiße Ziegen stehen auf einer umzäunten Wiese,  daneben ist eine grau getigerte Katze zu sehen
Zwei weiße Ziegen stehen auf einer Wiese hinter einem Zaun

Glücklicherweise fand Ilona Angebote von Züchtern aus der Umgebung, die gerade junge Ziegen verkauften. Spontan fuhren wir zu einem hin und alles passte: Wir nahmen Ziege Lili mit. So kam es dazu, dass Luna und Lili in wenigen Tagen zu einem Duo und Dreamteam wurden. Ich konnte den beiden stundenlang beim Erkunden und gegenseitigen Kennenlernen zusehen.

Mein Aufenthalt auf dem Phönix-Hof bei Ilona und Holger war ein Erlebnis, das ich nicht vergessen werde. Auch die wunderbare Vermittlung und Betreuung durch den Maschinenring in der Steiermark kann ich nur weiterempfehlen. Ich hatte großes Glück, dass ich so sympathische Menschen und faszinierende Tiere kennenlernen durfte.